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Kapitel 3

Newcastle upon Tyle, UK - Amsterdam, NL

Die Argonauten

Fast sechs Stunden dauert die Autofahrt von Speyside nach Newcastle upon Tyne, der nächsten Station unserer Reise. Im nordenglischen Newcastle, gelegen am römischen Hadrianswall, hält man an vielen Ecken den Charme der tausendjährigen Stadthistorie lebendig. Mit typisch nordischer Eleganz verbindet man in Newcastle die Wurzeln mit modernster Architektur, wie der 50 Meter hohen Kippbrücke ‚Millennium Bridge‘, die zum neuen Wahrzeichen der Stadt wurde. Newcastle ist sicherlich einen längeren Aufenthalt wert – dieser steht jedoch nicht auf unserem Programm.

Wir geben unseren Wagen am Fährhafen ab und boarden auf die ‚Argonaut Ferry‘ – das Flaggschiff von... sagen wir mal, Fantasy Passage Ltd., einem aufstrebenden Transport-Start-up, das dem Platzhirsch DFDS Seaways auf der Route nach Amsterdam Konkurrenz machen will.

Um mit dem übermächtigen Wettbewerber mithalten zu können, muss Fantasy Passage völlig neue Wege gehen. Dabei setzt das Unternehmen auf das „Smart Ferry“ Konzept. Der Vorteil des Newcomers: Die gesamte technische und logistische Infrastruktur konnte von Anfang an nach den Prinzipien der Smart Products Economy aufgebaut werden. Zunächst konzipierte das Unternehmen ein smartes, interoperables Ticketing System (das man von den Sydney Ferries übernahm), mit dem das Boarding in Newcastle und Amsterdam, ob mit oder ohne Auto, zu einem sehr einfachen Vorgang wurde, der über ein Smartphone abgewickelt werden kann. Dabei unterstützt die App auch bei allen eventuell notwendigen Formalitäten und der Planung der Weiterreise sowie der dafür geeigneten Verkehrsmittel (eine Idee, die man sich vom Berliner Start-up Waymate auslieh).

Danach führte Fantasy Passage eine (von New York Waterways und Hitachi Data Services inspirierte) Visualisierungsplattform ein, die in der Lage ist, alle im Einsatz befindlichen Schiffe zu vernetzen und umfassend zu überwachen. Die an den Fährschiffen installierten Kameras und Sensoren liefern permanent Echtzeitinformationen und Live-Videos über Kursabweichungen, Wetterdaten für die raue Nordsee, Treibstoffverluste und selbst Auswertungen über außergewöhnliches Passagierverhalten und andere Anomalien. Die Daten werden kombiniert mit Informationen aus öffentlichen Datenbanken, dem eigenen Smart Ticketing System und mit Social Media Feeds. Die aggregierten und analysierten Daten werden in einer interaktiven und visuellen Karte integriert und erlauben eine präzise Steuerung der gesamten Flotte sowie schnelle und zielsichere Interventionen in kritischen Situationen. Eine Vielzahl von Szenarien, von Krisenprävention bis hin zu Predictive Maintenance der Schiffe, wurde bereits zu Beginn des Projekts entwickelt und zur Basis des Geschäftsmodells gemacht – und die neue Fährlinie damit zu einem hocheffizient arbeitenden Unternehmen.

So weit die Pflicht. Doch die eigentliche Frage, die den CEO von Fantasy Passage (dessen Namen wir aus verständlichen Gründen nicht verraten können) wirklich beschäftigte, war eine ganz andere: Kann ein Smart Product zum Markenkern, oder zumindest zu einem zentralen Markenelement des Unternehmens werden? Es kann. Die Lösung fand man in Kalifornien, bei Wind+Wing Technologies, das von Jay Gardner – einem Bay Area Veteranen, alten Seebären und erfahrenen Unternehmer – 2014 gegründet wurde. Gardners ehrgeiziger Plan sieht vor, Fähren mit smarten Windsegeln auszurüsten, die den Dieselverbrauch um bis zu 40 Prozent reduzieren. Die hohen, imposanten Segel, in Leichtbauweise aus Karbonfaser gefertigt, sollen eine enorme Windkraft einfangen und für einen schnellen, leisen und sauberen Antrieb der Fähren sorgen, die heute noch zu den schmutzigsten Fahrzeugen gehören, mit denen man sich überhaupt fortbewegen kann. Das durch eine Solarzelle gespeiste und sehr einfach zu bedienende Segel ist ein Smart Product par excellence: Es verfügt nicht nur über eine GPS-Navigation, sondern kann mit Mikroprozessoren und einer Vielzahl von Sensoren ausgerüstet werden, so dass es sich selbstständig ausrichtet und perfekt an die Windkräfte anpasst. Gleichzeitig zeichnet das Segel die Zustands-, Verbrauchs- und Positionsdaten des Schiffs auf.

Insbesondere in Verbindung mit der Visualisierungsplattform von Fantasy Passage eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten. So beinhaltet das smarte Segel auch Hochleistungsantennen, die den schwierigen Wetterbedingungen und der begrenzten Netzabdeckung in der Nordsee trotzen. Vor allem aber verleiht das Segel den leichten, eleganten Schiffen von Fantasy Passage Ltd. ein unverwechselbares Element, etwas, das der CEO des Unternehmens stolz als „Brand Shaper“ bezeichnet.

„Um Dinge auf neue Art zu machen, muss man auch Firmen auf andere Art aufbauen“, sagt Unternehmer und Autor Chris Anderson. Fantasy Passage ist so eine Firma. Smart Products können den von Anderson postulierten Ansatz, nachdem Unternehmen in der digitalen Wirtschaft nicht nur mit Bestsellern, sondern auch mit vielen in der klassischen Ökonomie unrentablen Nischenprodukten erfolgreich sein können, auch in die physische Welt bringen und damit die Märkte bunter, innovativer und interessanter machen.

„Welkom in Amsterdam!“ Nach 16 Stunden in der Nordsee haben wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen.


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Anna Reitinger

Anna Reitinger

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